100 Jahre Frauentag in Deutschland
40 Jahre in Bergisch Gladbach

(Vortrag im März 2011 anlässlich des 100-jährigen Frauentags)

In diesem Jahr feiert der Frauentag in Deutschland einen runden
Geburtstag, er wird 100 Jahre alt.

Die ersten Impulse für den Frauentag sind allerdings noch älter.
1858 protestieren Textilarbeiterinnen in New York für bessere Arbeitsbedingungen und für gleiche Löhne.

In den Jahren 1909 und 1910 organisierten 20.000 Hemdblusen-
näherinnen den ersten Generalstreik von Frauen, der fand in
New York und in Philadelphia statt.

Fast zeitgleich gab es in Europa (1910 in Kopenhagen) die erste
internationale Frauenkonferenz. Der Tagesordnung dieser Konferenz
ist zu entnehmen, dass es damals um drei Themen ging: Es ging
darum, das Wahlrecht für Frauen zu fordern, um das Thema Soziale
Fürsorge für Mütter und Kinder und um den Ausbau der internationale
n Zusammenarbeit von Frauen.

100 Frauen aus 17 Nationen beschlossen damals, künftig einen
Frauentag mit internationalem Charakter zu veranstalten, und das
in jedem Jahr.

Clara Zetkin war eine der maßgeblichen Frauen der Frauenbewegung
vor 100 Jahren, möglicherweise auch deshalb, weil sie eine einfluss-
reiche Position als leitende Redakteurin der Frauenzeitschrift
„Die Gleichheit“ hatte.

1911 war es auch in Deutschland so weit, der erste Internationale
Frauentag fand statt am 19. März. Im Aufruf zu diesem ersten
Internationalen Frauentag war Folgendes zu lesen:

„Die Frau des zwanzigsten Jahrhunderts ist politisch mündig
geworden, und trutziglich fordert sie ihre Staatsbürgerrechte.
Darum auf ihr Frauen und Mädchen des Arbeitenden Volkes, auf in
den Kampf um eure Staatsbürgerrechte! Der 19. März ist euer Tag,
an dem ihr zum Ausdruck bringen sollt, dass ihr es satt habt, als
Gleichverpflichtete, aber Minderberechtigte euch zu mühen.“

An diesem Tag demonstrierten Frauen erstmals nicht nur in
Deutschland, sondern ebenso in Österreich, Dänemark und in
der Schweiz.

Rund 45.000 Teilnehmerinnen gingen alleine in Berlin auf die Straße.
Insgesamt waren mehr als eine Millionen Frauen in Deutschland dabei,
um ihr Recht auf politische Beteiligung einzufordern.

Auf all diesen Veranstaltungen wurde eine Resolution verabschiedet,
in der unter anderem zu lesen war:

„Zehn Millionen Frauen, die im gesellschaftlichen Produktionsprozess
tätig sind, die Millionen Frauen, die als Mütter Gesundheit und Leben
aufs Spiel setzen, die als Hausfrauen die schwersten Pflichten über-
nehmen, erheben mit allem Nachdruck Anspruch auf soziale und
politische Gleichberechtigung“.

Während des ersten Weltkrieges wird es ruhig um den Frauentag
in Deutschland. Geplante Frauenversammlungen konnten aufgrund
der Kriegsverhältnisse nicht stattfinden.

Zu Beginn der 30er Jahre lebt der Frauentag zunächst wieder auf,
wird aber während des Faschismus verboten. In der Zeit wird der
Muttertag zum Inbegriff der Frauenideologie.

Ab 1947 ist der Frauentag geprägt durch das Engagement der
Frauen gegen Wettrüsten und für Völkerverständigung.

In den fünfziger und sechziger Jahren wurde es wieder ruhig um
den Frauentag. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder waren die
Themen, die in dieser Zeit im Fokus standen.

In den 70er Jahren gewinnt der Frauentag durch die neue Frauen-
bewegung wieder an Bedeutung. Die Lebenswelt der Frauen ist immer
noch gekennzeichnet durch ungleiche Lebensverhältnisse. Immer mehr
Frauen verstehen, dass die ihnen zugewiesenen Rechte und die ihnen
zugewiesene Rolle veränderbar sind. Eine Frau, die untrennbar mit der
Frauenbewegung der 70er Jahre verbunden ist, ist Alice Schwarzer.

Als Demonstrationstag für Frauenrechte bekommt der Internationale
Frauentag seit Anfang der 80er Jahre wieder ein besonderes Gewicht,
denn der neuen Frauenbewegung gelingt es, Netze zu knüpfen un
d Bündnisse zu schließen.

Um Chancengleichheit am Arbeitsplatz, um die Verhinderung von
Sozialabbau und die Beteiligung von Frauen in der Politik geht es in
den Veranstaltungen der 80er Jahre. Erstmals taucht auch die
Forderung nach einer innerparteilichen Quotierung auf.

Und was geschieht in Bergisch Gladbach
zu dieser Zeit?

1971, vor genau 40 Jahren, fand der erste Frauentag in Bergisch
Gladbach bzw. in Bensberg statt, im Saal Daubenbüchel. Das Thema
des ersten Frauentages lautete „Für die Gleichberechtigung – für den
Frieden in der Welt“.

Die Frau, die dafür gesorgt hat, dass der erste Frauentag in Bensberg
stattfinden konnte, ist Hilde Kroll, die vor kurzem ihren 92. Geburtstag
gefeiert hat.

Bei Betrachtung der Forderungen, die Frauen vor 100 Jahren stellten
und teilweise auch noch vor 50 Jahren stellten, ist festzustellen, dass
vieles heute selbstverständlich ist und aus heutiger Sicht unvorstellbar,
dass es vor nur 100 Jahren anders war. Das Recht zu wählen, zu
studieren, Verträge zu schließen oder erwerbstätig zu sein, ohne dass
der Ehemann einwilligen muss.

Die Tatsache, dass das Recht auf Gleichstellung im Grundgesetz
verankert ist, ist vor allem Elisabeth Selbert zu verdanken, die mit
großem Engagement und mit Unterstützung vieler Frauen dafür
gekämpft hat.

Seit 2005 haben wir sogar eine Bundeskanzlerin.

Trotzdem, von einer echten Chancengleichheit sind wir noch immer
weit entfernt. Frauen verdienen im Durchschnitt 23% weniger als
Männer. Sie arbeiten viel öfter in ungesicherten Beschäftigungs-
verhältnissen und zu Niedriglöhnen. In Folge führt dies zu Altersarmut.

Fehlanzeige ist auch bei gleichen Karrierechancen zu melden. Führungs-
etagen der größten Unternehmen sind häufig reine Männerclubs. Dies,
obwohl Frauen so gut ausgebildet sind wie nie zuvor.

Und auch in unserer Stadtverwaltung sieht es – was die Führungs-
ebenen angeht – nicht besonders rosig aus.

Das, was vor 100 Jahren die Forderung nach dem Wahlrecht für
Frauen war, ist heute die Forderung nach gleicher Bezahlung und
gleichen Karrierechancen. Dies sind nicht nur aus meiner Sicht die
zentralen Themen, für die Frauen heute kämpfen sollten.

Vor zwei Wochen wurde in Berlin der erste Gleichstellungsbericht
der Bundesregierung vorgestellt. Die Vorsitzende der Sachverständigen-
kommission, Frau Prof. Dr. Ute Kammer, brachte die Ergebnisse des
Berichtes mit einem Satz auf den Punkt. Sie sagte: „Gleichstellungs-
politik ist eine notwendige Zukunftspolitik, an der niemand mehr
vorbeikommt.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, außer dass es höchste Zeit ist,
dies auch umzusetzen.

Michaela Fahner